Die Weiler Zeitung, 09.04.2019

Was ist ein Vorerbe?

Diese Frage ist berechtigt. Denn das Instrument der Vorerbschaft/Nacherbschaft ist sehr komlex, kompliziert und nur in ganz wenigen Fällen sinnvoll.

Jeder weiß, was ein Erbe ist. Auch der Miterbe ist geläufig, das sind mehrere Personen, die von dem Erblasser bedacht wurden und fortan eine Erbengemeinschaft bilden. Das bekannteste Beispiel für eine Miterbengemeinschaft sind die Kinder von Eheleuten, die nach dem Tod des längstlebenden Elternteils dessen Schlußerben werden, wenn die Eltern ein sog. Berliner Testament errichtet haben.

Doch was ist dann ein Vorerbe? Kurz gesagt: viel weniger. Durch die Anordnung der Vorerbschaft/Nacherbschaft hat der Erblasser die Möglichkeit, sein Vermögen quasi zweimal zu vererben, zunächst an den Vorerben und (meist nach dessen Tod) an den Nacherben. Der Nacherbe ist also nicht Erbe des Vorerben und bekommt von dem Vorerben etwas, sondern das, was der Vorerbe von dem Erblasser erhalten hat, geht weiter auf den Nacherben. 

Während der Zeit, in welcher der Vorerbe die Erbschaft hat, darf er damit nicht machen, was er will. Er unterliegt vielen Beschränkungen und Pflichten. Geld hat der Vorerbe mündelsicher anzulegen, nur die Zinsen stehen ihm zu. Bestimmte Wertpapiere hat er auf Verlangen des Nacherben bei der Hinterlegungsstelle zu hinterlegen, genau wie er dem Nacherben auf dessen Anforderung ein Nachlassverzeichnis zu erstellen hat. Verfügungen (zum Beispiel ein Verkauf) über Immobilien sind dem Nacherben gegenüber unwirksam und darüberhinaus praktisch unmöglich, weil die Nacherbschaft im Grundbuch vermerkt wird und daher kein Käufer ein solches Grundstück erwerben würde. Wohnen in der Immobilie dürfe der Vorerbe dagegen schon, weil er die Nutzungen aus der Vorerbschaft ziehen darf (genau wie die Zinsen von Sparguthaben, wenn es denn Zinsen von den Banken gäbe).

Der Erblasser kann den Vorerben von einigen Beschränkungen befreien, aber nicht von allen. Man spricht dann von einer befreiten Vorerbschaft. 

Der befreite Vorerbe kann zum Beispiel eine Immobilie veräußern und auch den Erlös bis zu einem gewissen Maß für sich verbrauchen. Bis zu welchem Maß ihm das möglich sein soll, ist aber wiederum sehr schwierig und immer nur für den Einzelfall zu entscheiden. In der Regel gilt, dass der befreite Vorerbe Ausgaben tätigen darf, die seinem bisherigen Lebenswandel entsprechen. Es liegt auf der Hand, dass dies ein Quell von Streitigkeiten zwischen dem Nacherben und den Erben des Vorerben ist. Unstreitig bleibt dem Vorerben verboten, irgendetwas aus dem Nachlass zu verschenken. Davon kann ihn der Erblasser auch nicht befreien.

Steuerlich ist die Anordnung der Vorerbschaft und der Nacherbschaft auch nachteilig. Denn weil der Erblasser sein Vermögen zweimal vererbt - zunächst an den Vorerben und von diesem an den Nacherben -, fällt auch zweimal Erbschaftssteuer an.

Wann sollte man Vorerbschaft anordnen? Kurz gesagt: Wenn es geht, überhaupt nicht. Es ist immer wieder festzustellen, dass in einem Testament Vorerbschaft angeordnet wurde und man merkt, dass dem Testierenden überhaupt nicht klar war, was er da anordnet und welche Folgen es hat. 

Es gibt nur ganz wenige Fälle, in denen die Vorerbschaft sinnvoll ist. Zwei davon sind das Behindertentestament und das Bedürftigentestament. Im ersten wie im zweiten Fall geht es darum, dem Behinderten bzw. einer überschuldeten Person etwas zukommen zu lassen, ohne dass ihm bzw. ihr das Dritte – der Sozialhilfeträger bzw. private Gläubiger – wieder wegnehmen können. Hier kann die Vorerbschaft/Nacherbschaft wertvolle Dienste leisten, wenn sie richtig angewendet wird. 

<Dr. Klaus Krebs>