Die Oberbadische Zeitung, 13.06.2019

Steuerfreibeträge nicht ungenutzt lassen

Das gemeinschaftliche Testament von Eheleuten in der Form des Berliner Testaments ist in Deutschland die wohl gebräuchlichste Art von letztwilligen Verfügungen bei Ehepartnern und das auch zu Recht. Mit Berliner Testament ist dabei die Sonderform gemeint, dass die Eheleute sich zunächst gegenseitig zu Erben einsetzen und die Kinder als Schlusserben des länger lebenden Ehepartners. Ob die Kinder gemeinschaftlich oder von einem oder beiden mit in die Ehe gebracht werden, ist dabei grundsätzlich gleichgültig. Denn Stiefkinder und adoptierte Kinder haben dieselben steuerlichen Freibeträge wie leibliche Kinder.

Zum Teil wird gegen das Berliner Testament eingewendet, dass es steuerlich nicht optimal sei. Das kann sein, muss aber nicht und ist es in den meisten Fällen auch nicht. Dabei ist zunächst wichtig, zu wissen, dass die steuerlichen Einwände erst ab größeren Vermögen greifen, zumindest, wenn mehrere Kinder vorhanden sind. Denn jedes Kind hat gegenüber jedem (Stief-)Elternteil einen steuerlichen Freibetrag in Höhe von 400.000,00 €. Das bedeutet, dass ein Ehepaar mit zwei Kindern 800.000,00 € steuerfrei vererben kann, bei drei Kindern sind es dann schon 1,2 Mio nicht zu versteuernde €.

Des weiteren ist es möglich – sollte mehr Vermögen vorhanden sein – den Kindern schon zu Lebzeiten Vermögen zu übertragen und zwar solches, welches die Eltern nicht mehr zur eigenen Absicherung im Alter benötigen. Das macht aber nur dann Sinn, wenn frühzeitig damit begonnen wird. Denn die oben genannten Steuerfreibeträge der Kinder entstehen alle 10 Jahre neu, so dass im Jahr 2019 steuerfrei 400.000,00 € an ein Kind übertragen werden können und 2029 wieder weitere 400.000,00 € steuerfrei übergehen können, entweder wiederum als Schenkung zu Lebzeiten oder durch Todesfall.

Ein ganz wunderbares Instrument, um Steuerfreibeträge auszunutzen, ist schließlich das sogenannte Supervermächtnis in dem Berliner Testament. Hierdurch wird dem länger lebenden Ehepartner bei dem Tod des Partners bei richtiger Anwendung ermöglicht, den Kindern von dem verstorbenen Elternteil nach eigenem Belieben Zuwendungen zu machen, sollte sich beim Erbfall herausstellen, dass der Freibetrag des erbenden, länger lebenden Ehepartners überschritten wird und genügend Vermögen vorhanden ist, um hiervon den Kindern auch schon beim Tod des ersten Elternteils etwas zukommen zu lassen und zwar in einer solchen Höhe, die bei den Kindern steuerfrei ist.

Natürlich ist es bei Kindern aus vorherigen Beziehungen auch möglich, dass die Ehepartner jeweils ihre eigenen Kinder bedenken, wenn dies gewollt ist. Auch das kann in einem gemeinschaftlichen Testament geregelt werden und zwar in jeweils getrennten Erbfolgeanordnungen der Ehepartner.

Wichtig dabei ist nur, den länger lebenden Ehepartner nicht zu vergessen. Dies kann zum Beispiel durch ein Vermächtnis geschehen, dass ihm oder ihr das weiterhin unentgeltliche Wohnen in dem gemeinsamen Haus/der gemeinsamen Wohnung ermöglicht einschließlich der vermächtnisweisen Zuwendung des damit verbundenen Hausrats und der Möbel sowie – falls gewünscht – durch Zuwendung von weiteren, zu bestimmenden Vermögenswerten wie zum Beispiel einem bestimmten Bankguthaben.

Wichtig ist, dass sich die Ehepartner Gedanken machen, wie sie ihre Nachfolge gerne geregelt hätten und dann fachkundigen Rat einholen, ob und wie dies umgesetzt werden kann oder ob sogar andere, noch nicht bedachte Optionen bestehen. Es gibt für (fast) alles eine rechtliche Lösung. Man muss sie nur rechtzeitig genug angehen. Nichts tun wäre ein Fehler, der am Ende erfahrungsgemäß immer teurer und nervenaufreibender ist.