Die Oberbadische Zeitung, 26.04.2018

Erben und vererben sollte kein Tabu sein

Es kommt nicht selten vor, dass mir Mandanten fast schamvoll berichten, es sei nun an der Zeit, an die Errichtung eines Testaments zu denken. Meine Standardantwort lautet jedes Mal, dass dies eine gute Idee sei und es für solche Überlegungen nie zu früh ist. Denn wenn etwas sicher ist, dann dass unser Aufenthalt hier zeitlich begrenzt ist. Genauso sicher ist, dass wir dorthin, wohin wir auch gehen und wo immer das sein mag, nichts mitnehmen können. Was liegt also näher, als sich rechtzeitig zu überlegen, was einmal mit dem, was wir an materiellen Dingen hier zurücklassen, geschehen soll?

In Deutschland werden nach Schätzungen in nur einem Jahr Vermögen von etwa 150 Milliarden € übertragen. Das ist ein unglaublich hoher Wert. Pro Erbfall sind es durchschnittlich mehr als 240.000,00 €. Beim Erben und Vererben handelt es sich also um sehr erhebliche Vermögenstransaktionen. Wenn man zu Lebzeiten ein solches Geschäft tätigen, also etwas für 240.000,00 € kaufen oder verkaufen oder einfach nur übertragen wollte, würde man es mit Sicherheit sehr gut überlegen, gut vorbereiten und Fachleute hinzuziehen, um keine Fehler zu machen. 

Wieso dann diese Scheu beim Testament? Es wird im Leben eines Menschen keine größere finanzielle Transaktionen geben als bei dessen Tod, weil er oder sie an diesem Tag über sein bzw. ihr gesamtes Vermögen auf einmal verfügt, ja verfügen muss. 

Theoretisch könnte man sich zurücklehnen, weil es ja immer noch das Gesetz gibt, welches Regelungen zum Erben und Vererben enthält. Das ist richtig. Diese Regelungen stehen im 5. Buch des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB). Wer selbst nichts bestimmt oder etwas Unwirksames bestimmt, für den übernimmt das Gesetz die Verteilung seines Vermögens. Aber wollen Sie wirklich, dass ein Fremder, nämlich der Gesetzgeber darüber entscheidet, wer einmal all das bekommt, was Sie sich im Laufe ihres Lebens erarbeitet haben und jetzt besitzen? Mit den ganzen damit verbundenen Nachteilen wie zum Beispiel den Erbschaftssteuern, die bei schlechter Nachlassplanung erheblich sein und im Extremfall bis zu 50 % ausmachen können? Oder einer wild zusammen gewürfelten Erbengemeinschaft, die sich untereinander nicht versteht und um die Verteilung ihres Nachlasses streitet und prozessiert? Oder bei unzureichend überlegten bzw. schlecht beratenen Testamenten mit den Pflichtteilsansprüchen derjenigen, die übergangen worden sind und die den Nachlass aushöhlen und ihm die Liquidität nehmen, ja im Extremfall sogar zur Versteigerung des Hauses durch den Erben führen können, um die Ansprüche bezahlen zu können?

Das glaube ich nicht. Überlegen Sie einmal, mit wem Sie alles gesprochen haben, als Sie ihr Haus oder Ihre Eigentumswohnung gebaut oder gekauft haben. Beim Erbfall wird es nicht nur um dieses Haus gehen, sondern um alles, was Sie haben. Es wäre nicht klug, sich darüber keine Gedanken zu machen oder zu glauben, alles alleine (richtig) schreiben zu können. Sich rechtzeitig mit diesem Thema zu beschäftigen, hat für alle Beteiligten nur Vorteile und ist eine echte win-win-Situation. Die zukünftigen Erben wissen, woran sie sind und bekommen keine Gelegenheit zu streiten und man selbst weiss, dass alles im eigenen Sinne geregelt ist und kann nun die eigenen Sachen, solange man sie noch besitzen darf, in vollen Zügen genießen.

<Dr. Klaus Krebs>