Die Oberbadische Zeitung, 26.11.2019

Ein Tattoo als Testament?

Zur Zeit läuft vor einem Nachlassgericht in Deutschland ein sehr kurioser Fall, der sicher Eingang in die rechtswissenschaftliche Literatur finden wird. Folgender Sachverhalt:

Im Sommer 2019 stirbt ein 29 jähriger Mann in Norddeutschland. Er war vermögend. Sein Vermögen stammt im Wesentlichen aus Übertragungen seiner Eltern an ihn im Wege der vorweg genommenen Erbfolge. Der junge Mann ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Es gibt kein Blatt Papier mit einem handschriftlichen Testament von ihm und auch keinen Erbvertrag oder ein notariell beurkundetes Testament. Die Eltern in ihrer Trauer sind wenigstens über diesen Punkt froh. Bedeutet er doch, dass die gesetzliche Erbfolge gilt und sie damit als Erben zweiter Ordnung je hälftig zu Miterben geworden sind, weil kein Ehepartner und keine Abkömmlinge vorhanden sind.

Am Tag der Einäscherung des Leichnams bzw. an dem Tag, an dem der Leichnam eingeäschert hätte werden sollen, kommt es zu einer Überraschung. Der Bestatter informiert die Beteiligten darüber, dass er auf der Innenseite des linken Oberschenkels des Toten ein gut lesbares Tattoo entdeckt hat mit folgendem Inhalt: „Alleinerbe ist die katholische Kirchengemeinde K…, Unterschrift, Datum“. Das Nachlassgericht verbietet daraufhin die Einäscherung und informiert die betroffene Gemeinde. Ein Rechtsstreit über die Gültigkeit des „Testaments“ beginnt.

Der Tätowierer sagt in dem Verfahren aus, dass er nur die technischen Voraussetzungen für die Tätowierung geschaffen und die Tätowiermaschine gehalten habe. Der Inhalt des Tattoos und die Schreibführung seien jedoch eindeutig auf den verstorbenen jungen Mann zurückzuführen, der die Linienführung des Bestecks selbst bestimmt und den Text zuvor mit einem Lidstift zur Sicherheit auf der Haut vorgeschrieben bzw. gezeichnet habe.

Ist das nicht ein toller Fall über den man trefflich diskutieren kann? Wie würden Sie entscheiden? 

Im Gesetz heißt es u.a., dass der Erblasser ein Testament nur persönlich und u.a. durch eine eigenhändig geschriebene und unterschriebene Erklärung errichten darf (§§ 2064, 2247 Abs. 1 BGB). Worauf und womit geschrieben wird, darüber schweigt sich das Gesetz aus.

Natürlich denkt man beim Lesen des Gesetzestextes an das normale Schreiben mit einem Stift auf Papier. Aber wieso soll nur das Schreiben auf Papier oder ähnlichen Materialien ausreichend sein? Kommt es nicht darauf an, dass geschrieben wird, worauf auch immer und dass der Erblasser damit seinen freien Willen zum Ausdruck bringt und perpetuiert? Gibt es für den Betroffenen etwas Authentischeres als ein auf der Haut geschriebenes Testament im Vergleich zum Beschreiben eines Blatts Papier?

Sicher nicht, aber hier liegt zugleich auch der Haupt-Angriffspunkt, den man als Anwalt der Eltern verwenden kann oder sollte: Eine Tätowierung wird nicht geschrieben, sondern gestochen und das Stechen einzelner Punkte ist kein flüssiges handschriftliches Schreiben. Aber hat der junge Mann das Testament nicht zuvor mit dem Lidstift auf seine Haut geschrieben und mit der Tätowiermaschine nur nachgefahren? Es bleibt spannend.

<Dr. Klaus Krebs>