Die Oberbadische Zeitung, 29.12.2020

Crowdworker kann Arbeitnehmer sein

Erstmals ist in Deutschland ein sogenannter Crowdworker als Arbeitnehmer und nicht als Solo- Selbständiger eingestuft worden. 

Dies hat das Bundesarbeitsgericht mit Urteil vom 01.12.2020 (-9 AZR 102/20) entschieden.

Als „Crowdworker“ werden Personen bezeichnet, welche über Internet- Plattformen vermittelte Aufgaben und Projekte abarbeiten. Manchmal handelt es sich dabei um komplexe Tätigkeiten wie die Entwicklung und Ausarbeitung eines Designs, in der Regel aber um einfache Arbeiten wie das Abgleichen von Adressen, das Sammeln von Daten oder das Testen von Software oder Apps. 

Geklagt hatte ein Münchner, der für ein Unternehmen deren Kundenaufträge abarbeitete. Der ungewöhnlich anmutende Job bestand etwa darin, Fotos von Produktregalen in Läden und an Tankstellen zu machen oder Fragen zu einem Reklame-Poster an einer Bushaltestelle zu beantworten. Diese Aufträge erhielt er über eine App, die Bezahlung erfolgte digital via Paypal. Pro Woche kam der Mann auf einen Beschäftigungsumfang von 20 Stunden.

Als der Kläger nach rund einem Jahr ca. 3.000 Aufträge abgearbeitet hatte, kam es zwischen den Parteien zu Streitigkeiten und das die Plattform betreibende Unternehmen beendete das Vertragsverhältnis. Hiergegen klagte der Mann. 

Unter anderem wollte er festgestellt haben, dass ein Beschäftigungsverhältnis vorliege und ihm die damit verbundenen Rechte wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahlter Urlaub etc. zustehen. Das Bundesarbeitsgericht hat ihn in dieser Ansicht bestätigt. 

Von einem Arbeitsverhältnis ist dann auszugehen, wenn der Beschäftigte weisungsgebundene, fremdbestimmte Arbeit in persönlicher Abhängigkeit leistet. Entscheidend für die Einordnung ist eine Würdigung aller tatsächlichen Umstände. Auf die Bezeichnung im Vertrag kommt es nicht an.
Das Gericht stellte klar, dass der Kläger zwar vertraglich nicht zur Annahme von Angeboten der Internetplattform verpflichtet gewesen sei. Die Plattform habe die Zusammenarbeit aber so gesteuert, dass der Crowdworker Ort, Zeit und Inhalt seiner Tätigkeit nicht mehr frei gestalten konnte. Die Aufträge waren inhaltlich Schritt für Schritt vorgegeben und immer nur kurze Zeit zur Abarbeitung verfügbar. Die Organisationsstruktur sei darauf ausgerichtet gewesen, dass der Kläger über seinen Account kontinuierlich zahlreiche Aufträge annehmen sollte. Mit der Steigerung der abgearbeiteten Aufträge konnte der Kläger ein höheres Bewertungslevel erreichen, wodurch ihm mehr Aufträge angeboten wurden. Dadurch konnte er seinen persönlichen Verdienst erhöhen.
Laut dem Gericht liegen durch die gesetzten Anreize und die damit einhergehende Drucksituation die Voraussetzungen für eine arbeitnehmertypische weisungsgebundene und fremdbestimmte Arbeit in persönlicher Abhängigkeit vor.
Der Kläger ist demnach als Arbeitnehmer anzusehen.

<Patrick Stumpp>